Am 10. und 11. April feierte Würzburg ein bedeutendes Ereignis: das 10. Bayerische Landestreffen der Gehörlosen- und Gebärdensprachgemeinschaft. Unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Markus Söder kamen rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, um einen Raum für Kultur, Austausch und politische Teilhabe zu schaffen. Die Eröffnung fand im historischen Ratssaal des Würzburger Rathauses statt. Marcus Willam, der Vorsitzende des Landesverbandes, erinnerte an die Gründung des Verbandes am 4. März 1951 und zeichnete den Weg von der Unterdrückung der Gebärdensprache zu einer politisch aktiven Gemeinschaft nach. Ein Fachvortrag von Markus Beetz zur Geschichte des Verbandes ergänzte die Eröffnungszeremonie.
Ein zentrales Thema des Treffens war die Veröffentlichung der Stellungnahme „Gute Pflege dahoam – auch in Gebärdensprache?“ während des Landesseniorentages. Der Verband wies auf die schwierige Situation von etwa 5000 gehörlosen Senioren in Bayern hin und forderte gebärdensprachfreundliche Pflege sowie die Einführung eines bayerischen Gehörlosengeldes. Auf der „DeafMesse“ präsentierten rund 60 Aussteller technologische Hilfsmittel und soziale Dienstleistungen. Besonders interessant war die Behandlung des Themas Künstliche Intelligenz im Alltag tauber Menschen im Fachprogramm.
Vielfältige Programmpunkte und Ehrungen
Das Rahmenprogramm des Landestreffens war vielfältig und umfasste Stadtführungen, einen ökumenischen Gottesdienst, Theateraufführungen sowie Galaabende. Im Rahmen dieser Festlichkeiten wurden auch besondere Engagements gewürdigt. Bernd Schneider erhielt eine Ehrung für seine zwölfjährige Arbeit als Landesvorsitzender, während Helmut Vogel für seinen Einsatz zur finanziellen Stabilisierung des Deutschen Gehörlosen-Bundes ausgezeichnet wurde. Christian Ebmeyer wurde für seine Aufarbeitung des Unrechts an Gehörlosen in Heimen und Schulen geehrt, und Ute Fröhlich wurde für ihr Lebenswerk gewürdigt. Zudem erhielt das Team von HAND DRAUF eine Anerkennung für ihre Pionierarbeit auf Instagram.
Das Bayerische Landestreffen wird künftig alle drei Jahre stattfinden, das nächste Treffen ist für 2029 in Landsberg am Lech geplant. Diese Regelmäßigkeit bietet eine wertvolle Plattform für den Austausch und die Vernetzung innerhalb der Gehörlosengemeinschaft.
Impulsvortrag zur Pflegeversorgung
Im Rahmen der Diskussionen wurde auch die Sicherung einer menschenwürdigen und barrierefreien Pflegeversorgung für gehörlose Menschen thematisiert. Ein Impulsvortrag und eine Podiumsdiskussion richteten sich an Experten, Entscheidungsträger und Betroffene. Referenten wie Ute Fröhlich, Achim Blage und Daniel Büter beleuchteten die besondere Situation der Pflege in Gebärdensprache sowie die biografischen Belastungen der Seniorengeneration aufgrund jahrzehntelanger Verbote der Gebärdensprache, bekannt als Oralismus. Die herkömmlichen Pflegekonzepte erweisen sich als unzureichend für „Streuminoritäten“ wie gehörlose Menschen.
Künstlerische Höhepunkte der Veranstaltung waren vier kurze Theaterstücke der „FrankenDeafShow“, die Barrieren im pflegerischen Alltag verdeutlichten. In der Podiumsdiskussion gab es einen Austausch mit Dr. Bernhard Opolony, Leiter der Abteilung Pflege im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention, und Landtagsabgeordneten wie Dr. Andrea Behr und Anton Rittel. Die Fragen aus dem Publikum ermöglichten einen direkten Austausch und unterstrichen die Dringlichkeit der Themen.
Die Ziele der Veranstaltung umfassen die Initiierung eines überregionalen Modellprojekts in Bayern und die Gründung einer spezialisierten gemeinnützigen Gesellschaft (gGmbH) für die Gehörlosenpflege, sowie den Aufbau eines Seniorenheims für Gehörlose, in dem Deutsche Gebärdensprache (DGS) als Haussprache verwendet wird. Das übergeordnete Ziel ist es, ein Altern in Würde und ohne kommunikative Isolation zu garantieren.
Insgesamt zeigt das Bayerische Landestreffen einmal mehr die Bedeutung der Gehörlosengemeinschaft in Bayern und die Notwendigkeit, ihre Belange in den politischen Diskurs einzubringen. Die Herausforderungen, vor denen gehörlose Menschen stehen, sind vielfältig und erfordern ein gemeinsames Handeln aller Beteiligten, um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. Weitere Informationen zu den Themen der Veranstaltung finden Sie unter MainPost und LVBY.