Im Schatten der Nürnberger Prozesse, die zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 stattfanden, zeichnet sich das Bild eines bemerkenswerten Mannes ab: Gustave M. Gilbert. Inmitten des geopolitischen Umbruchs und der Suche nach Gerechtigkeit war Gilbert, geboren am 30. September 1911 in New York als Sohn österreichisch-jüdischer Einwanderer, als Psychologe und Dolmetscher tätig. Sein Zugang zu den Angeklagten war einzigartig. Er hatte freien Zutritt zu den Gefangenen und konnte sich mit ihnen ungefiltert unterhalten, was in der Geschichte der Prozesse einen seltenen Einblick in die Psyche der Verurteilten gewährte. Dies berichtet Tagesschau.

Gilberts Laufbahn in der Psychologie begann mit seiner Promotion an der Columbia University im Jahr 1939. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als First Lieutenant im US Army Nachrichtendienst und befasste sich intensiv mit der psychologischen Verfassung der Angeklagten. Diese waren prominente NS-Funktionäre wie Hermann Göring, Rudolf Heß und Joachim von Ribbentrop. Gilbert führte Gespräche mit den Angeklagten, wobei er bewusst auf Mitschriften verzichtete, um eine zwanglose Atmosphäre zu schaffen.

Beobachtungen und Erkenntnisse

Die Gespräche, die Gilbert führte, waren nicht nur ein Austausch von Worten, sondern auch ein Aufeinandertreffen von Geistern. Oft offenbarten sich die Gefangenen, gezeichnet von Isolation, in kleinen Zellen und mit wenigen Kontakten. Gilbert stellte fest, dass die meisten der Angeklagten überdurchschnittlich intelligent waren, jedoch auch Persönlichkeitsstörungen aufwiesen. Seine Analyse war geprägt von einer düsteren Psychopathologie, die seiner Meinung nach durch den NS-Staat gefördert wurde. Gilbert war überzeugt, dass die Angeklagten keine Geisteskranken waren, und hob hervor, dass ihre psychologischen Profile Gegenstand differenzierter Interpretationen sind.

Die Nürnberger Prozesse selbst waren wegweisend. 24 Angeklagte standen im Fokus, angeklagt wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderen schweren Vergehen. Zwölf von ihnen wurden zum Tode verurteilt, und der berüchtigte Hermann Göring beging vor seiner Hinrichtung Selbstmord. Die Urteile spiegelten nicht nur die Tatbestände wider, sondern waren auch ein Signal an die Welt über die Grenzen der Gerechtigkeit in Zeiten des Krieges, wie Wikipedia beschreibt.

Nach dem Prozess

Nach dem Nürnberger Prozess blieb Gilbert weiterhin aktiv in der Forschung und veröffentlichte sein berühmtes „Nürnberger Tagebuch“ im Jahr 1947. Darin legte er seine Beobachtungen und Analysen nieder, die ihn zu einem gefragten Experten für die Psychologie von Diktatoren machten. Dies bescherte ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern und eine wertvolle Rolle auch beim Eichmann-Prozess 1961, wo er erneut seine psychologischen Expertise einbrachte.

Gilberts Karriere führte ihn schließlich zu Lehrtätigkeiten, darunter die Position des Chefs des Psychologischen Instituts an der Long Island University. Er hinterließ ein bedeutendes Erbe in der Psychologie und war in Filmen über die Nürnberger Prozesse zu sehen, die seine Erkenntnisse und seine Person thematisierten. Gilbert starb am 6. Februar 1977 in Manhasset, New York, und bleibt bis heute eine Schlüsselfigur in der Untersuchung der menschlichen Psyche u.a. in kriegerischen Kontexten, wie Wikipedia dokumentiert.