Die Steuerstrategie von Unternehmensgiganten hat in den letzten Jahren zunehmend für Schlagzeilen gesorgt, und nun stehen auch die Siemens Healthineers im Fokus. Das Unternehmen, das im Oktober 2018 sein neues Hauptquartier in Erlangen eröffnete, sieht sich nun mit erheblichen finanziellen Herausforderungen konfrontiert. Erlangen hat massive Einbrüche bei der Gewerbesteuer erlitten, was unter anderem auf die Verlagerung von Gewinnen nach Röttenbach zurückzuführen ist, einem benachbarten Dorf mit deutlich niedrigeren Gewerbesteuersätzen. Während Röttenbach 2023 voraussichtlich 123 Millionen Euro Gewerbesteuer einnehmen wird, liegt die Prognose für Erlangen mit seinen 120.000 Einwohnern weitaus niedriger.
In den letzten Jahren hat sich die steuerliche Landschaft in der Region drastisch verändert. Röttenbachs Gewerbesteuersatz liegt bei 8,05 Prozent, fast doppelt so hoch ist dieser in Erlangen. Diese steuerlichen Unterschiede haben dazu geführt, dass Erlangen unter Finanzaufsicht steht und der Haushalt aufgrund der Einnahmenkrise nicht genehmigt werden konnte. Experten argumentieren, dass Steuervermeidungsstrategien innerhalb Deutschlands zunehmend an Bedeutung gewinnen und fordern Maßnahmen gegen die sogenannten Gewerbesteueroasen.
Röttenbach als Steueroase
Röttenbach hat sich in den letzten Jahren zur steuergünstigsten Gemeinde Mittelfrankens entwickelt. Im April 2020 senkten die Verantwortlichen den Hebesatz für die Gewerbesteuer auf 230 Prozent, was im Vergleich zu den bayernweiten Sätzen von 320 bis 400 Prozent äußerst attraktiv ist. Diese Strategie wurde als Weg gesehen, um Arbeitsplätze zu sichern und neue Gewerbesteuerzahler zu gewinnen. Bürgermeister Ludwig Wahl stellte klar, dass die Senkung nicht auf Druck der Healthineers-Führung erfolgte, sondern als eigenständige Maßnahme in Betracht gezogen wurde.
In Röttenbach haben mittlerweile fünf Tochtergesellschaften der Healthineers AG ihren Sitz, und der Konzern hat in den letzten Jahren schätzungsweise rund 1,5 Milliarden Euro dorthin transferiert. Dies erklärt auch die hohen Gewerbesteuereinnahmen in der kleinen Gemeinde, die vor sechs Jahren noch weniger als zwei Millionen Euro einnahmen. Interessanterweise hat Siemens Healthineers in Erlangen 96.596 Arbeitnehmer, in Röttenbach sind es lediglich 1.347.
Steueroasen in Deutschland
Die Problematik von Steueroasen beschränkt sich nicht nur auf Röttenbach. Viele Gemeinden in Deutschland, einschließlich Kemnath, haben ähnliche Maßnahmen ergriffen, um Unternehmen anzulocken. Kemnath senkte seinen Gewerbesteuersatz ebenfalls auf 230 Prozent und wurde so zum Sitz der Siemens Trademark GmbH & Co KG. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass Kemnath trotz des Wegzugs von fünf Siemens-Firmen jährlich 1,4 Millionen Euro Gewerbesteuer verloren hat, aber dennoch als wichtiger Standort für den Konzern gilt.
Insgesamt zeigen aktuelle Entwicklungen, dass das Thema Gewerbesteuer und steuerliche Strategien von Unternehmen eine immer größere Rolle spielen. Die Bundesregierung plant, den Mindest-Hebesatz von 200 Punkten auf 280 Punkte zu erhöhen. Kritiker fordern jedoch eine noch höhere Untergrenze von mindestens 315 Punkten, um die kommunalen Aufgaben zu erfüllen. Die Schätzungen besagen, dass öffentliche Kassen jährlich rund eine Milliarde Euro durch Gewerbesteueroasen verlieren.
Die Situation in Erlangen und Röttenbach ist ein Beispiel für die Herausforderungen, die viele Städte und Gemeinden in Deutschland angesichts der Steuervermeidungsstrategien großer Unternehmen gegenüberstehen. Es bleibt abzuwarten, ob die geplanten Maßnahmen der Bundesregierung ausreichend sind, um den Wettbewerb zwischen den Gemeinden zu regulieren und die kommunalen Finanzen zu stabilisieren.
Für weitere Informationen zu den Entwicklungen rund um die Gewerbesteuer und Steueroasen in Deutschland können Sie den Artikel auf nd-aktuell sowie nn.de lesen.