Das vergessene Leid: Erlanger Anatomie und die Opfer der NS-Zeit
Erlangen erforscht die NS-Vergangenheit in der Anatomie, inklusive der Schicksale hingerichteter Opfer und ihrer Überreste.

Das vergessene Leid: Erlanger Anatomie und die Opfer der NS-Zeit
Die Aufarbeitung der dunklen Kapitel der deutschen Geschichte Aktiengesellschaft im vollen Gange. In Bayern wurden während der NS-Zeit insgesamt 1.190 Menschen hingerichtet. Ein besonderes Augenmerk legt die Universität Erlangen auf die Nutzung dieser Leichname, die oft ohne Wissen oder Zustimmung der Angehörigen an Anatomische Institute übergeben wurden. Hier gab es eine erhebliche Nachfrage: etwa die Hälfte der hingerichteten Leichname gelangte an Institute in München, Würzburg, Erlangen und Innsbruck. Diese Praxis wirft zahlreiche ethische Fragen auf.
Der Medizinstudent Tim Goldmann hat sich in seiner Forschung intensiv mit dem Anatomischen Institut Erlangen beschäftigt und dabei herausgefunden, dass etwa 100 enthauptete Leichen vom Gefängnis München Stadelheim an das Institut geliefert wurden. Das Leicheneingangsbuch, welches wichtige Informationen zu den Übertragungen enthielt, wurde im Krieg offenbar zerstört, was die Rekonstruktion dieser Geschichte maßgeblich erschwert.
Charlotte Schulz und die Suche nach den Angehörigen
Eine besondere Geschichte ist die von Charlotte Schulz. Diese 20-Jährige wurde wegen Diebstahls vom Sondergericht Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ein hauchdünner Gewebeschnitt ihrer Leiche ist in der Sammlung des Instituts erhalten geblieben. Ein herzzerreißender Brief von ihr an ihre Mutter, in dem sie um Rettung bittet, wurde nie zugestellt und liegt heute im Staatsarchiv München. Aktuell sucht Goldmann nach den Angehörigen von Charlotte Schulz, um den Brief zu übergeben.
Wohlwissend, dass über die Wahrscheinlichkeiten ihrer Verwandtschaft viel Ungewissheit herrscht, merkt Michael Scholz, Leiter der Anatomie-Sammlung, an, dass dies nicht das Ende sein soll: „Es gibt Überlegungen bezüglich der Zukunft belasteter Präparate, unter anderem wird auch eine Bestattung diskutiert.” Die familiären Umstände von Charlotte Schulz sind komplex: Sie hatte keine Kinder, ihr Bruder hatte jedoch eine Tochter, die in Schwerin geboren ist und möglicherweise in Entscheidungen rund um den Gewebeschnitt einbezogen werden könnte.
Das Erbe der Anatomie im Nationalsozialismus
Die Forschung rund um die Verwendung von Leichnamen und die Praktiken der Anatomie während des Dritten Reiches wirft weitere ethische Fragen auf. Wissenschaftler, wie Hermann Stieve und Max Clara, zählen zu den bekannten Anatomen, die Hingerichtete für ihre Forschung nutzten. Studien belegen, dass die Anatomie in dieser Zeit mit moralischen Bedenken kaum konfrontiert wurde, dokumentierte Urteile über Hingerichtete waren Anatomen bekannt. Die Tübinger Untersuchung von 1988 und die jüngsten Bemühungen zeigen, dass viele anatomische Institute in Deutschland heute ihre Geschichte aufarbeiten und der Opfer gedenken möchten, so Ärzteblatt.
Diese Thematik hat nicht nur historische Bedeutung, sondern spielt auch eine Rolle in der gegenwärtigen medizinischen Ausbildung. Die sogenannte „Goldstandard“-Praxis der unmittelbaren Sektionen nach Hinrichtungen sorgte für eine „lebensfrische“ Gewebegewinnung – ein Zustand, den viele etliche Anatomen nach wie vor favorisierten. In der heutigen Zeit ist es jedoch eine Körperspende aus freien Stücken, die für die Übernahme eines Leichnams in anatomischen Institute Voraussetzung ist.
Durch die jüngsten Forschungen und die Veröffentlichung relevanter Werke, unter anderem von Hildebrandt und der Anatomischen Gesellschaft, bleibt die Leichnam-Verwendung im Schatten der Geschichte ein wichtiges Thema, das der Aufarbeitung bedarf. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit könnte Antworten auf die zentrale Frage bieten: Wie gehen wir mit diesen belasteten anatomischen Präparaten um? Für Michael Scholz ist klar: „Wir möchten alle Informationen zusammengetragen haben, bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen.“ Das Einbeziehen der Angehörigen könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.