In der Stadt Erlangen wird derzeit ein Theaterstück aufgeführt, das die dunkle Geschichte des Doppelmords an Shlomo Lewin und Frida Poeschke thematisiert. „Brauner Schnee über Franken“, inszeniert von Natalie Baudy und Matthias Köhler, beleuchtet die Ereignisse vom 19. Dezember 1980, als das Paar in ihrem eigenen Zuhause in der Ebrardstraße brutal ermordet wurde. Dieses Stück ist nicht nur ein künstlerisches Werk, sondern auch ein Dokument, das den Kampf gegen Antisemitismus und das Gedenken an die Opfer zum Ausdruck bringt. Die Inszenierung erhielt bei der Premiere Standing Ovations vom Publikum und zeigt eindrucksvoll die Dynamik des Geschehens, unterstützt durch ein Bühnenbild, das einen dunklen Kasten mit ständig herabfallendem Schnee und einer einsamen Laterne als einziges Requisit umfasst.
Lewin, ein 69-jähriger Verleger und Rabbiner, war ein angesehener Aktivist für den jüdisch-christlichen Dialog. Seine Lebensgefährtin, Frida Poeschke, war die Witwe des ehemaligen Erlanger Oberbürgermeisters. Beide wurden durch acht Schüsse getötet, und der Mord gilt als erster politisch motivierter Judenmord in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Bis heute sind die Hintergründe unaufgeklärt, und die Täter wurden nie bestraft. Baudy und Köhler haben sich intensiv mit den Morden und deren Kontext beschäftigt und recherchierten auch über die Wehrsportgruppe Hoffmann sowie das Oktoberfest-Attentat. Ziel ihrer Arbeit ist es, das Engagement von Lewin und Poeschke gegen Antisemitismus und für die Aussöhnung von Christen und Juden zu würdigen.
Erinnerungskultur und Gedenken
Die Stadt Erlangen und das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration haben einen Preis ins Leben gerufen, um den zivilgesellschaftlichen Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu fördern und damit an das Schicksal von Lewin und Poeschke zu erinnern. Shlomo Lewin wurde am 13. Mai 1911 in Jerusalem geboren und wanderte während des Nationalsozialismus nach Palästina aus. 1960 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er sich unermüdlich für den Dialog zwischen Juden und Christen einsetzte. Frida Poeschke, geboren am 23. Mai 1923, teilte diese Bestrebungen und war in Erlangen eine bedeutende Persönlichkeit. Gemeinsam initiierten sie die „Woche der Brüderlichkeit“, die seit 1978 in Erlangen gefeiert wird.
Die Gedenkveranstaltungen für Lewin und Poeschke sind vielfältig. So wurde im Jahr 2010 die Lewin-Poeschke-Anlage benannt, um an die beiden zu erinnern. Oberbürgermeister Florian Janik betont immer wieder die Notwendigkeit, gegen Rechtsextremismus und rechte Gewalt vorzugehen. Die COVID-19-Pandemie hat zwar einige Veranstaltungen beeinträchtigt, dennoch wurden digitale Gedenkformate bereitgestellt, darunter Videobeiträge von prominenten Persönlichkeiten wie Innenminister Joachim Herrmann und Ulrich Chaussy.
Antisemitismus in Deutschland
Der Mord an Lewin und Poeschke steht in einem größeren Kontext des Antisemitismus in Deutschland. Historisch gesehen hat Antisemitismus Wurzeln, die bis in die Antike zurückreichen. Der Holocaust stellte einen Einschnitt dar, jedoch blieb Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft auch nach 1945 verbreitet. In der frühen Bundesrepublik war das Thema oft tabuisiert. Eine Studie von 1950 ergab, dass 37% der Befragten extrem antisemitisch eingestellt waren. Antisemitismus ist ein vielschichtiges Problem, das in verschiedenen Formen auftritt, darunter antizionistische Einstellungen und Verschwörungstheorien.
Die jüngste Geschichte zeigt, dass antisemitische Gewalt zugenommen hat, oft ausgeübt von Einzeltätern. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Vorfälle angestiegen, insbesondere im Zusammenhang mit Konflikten im Nahen Osten. Das Gedenken an Shlomo Lewin und Frida Poeschke ist daher nicht nur eine Erinnerung an zwei Opfer, sondern auch ein Aufruf, sich aktiv gegen Antisemitismus und Diskriminierung einzusetzen. In diesem Sinne wird auch das Theaterstück „Brauner Schnee über Franken“ zu einem wichtigen Bestandteil der Erinnerungskultur in Erlangen.
Für weitere Informationen zu diesem Thema und den Hintergründen sei auf die ausführliche Berichterstattung verwiesen, die in der Deutschen Bühne zu finden ist, sowie auf die offizielle Seite der Stadt Erlangen, die die Erinnerungen an Lewin und Poeschke dokumentiert. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung bietet umfassende Informationen zum Thema Antisemitismus in Deutschland nach 1945.