Das Theater Erlangen hat mit der Uraufführung des Stücks „Brauner Schnee über Franken“ ein brisantes Kapitel der deutschen Geschichte auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung von Regisseur Matthias Köhler und Dramaturgin Natalie Baudy rekonstruiert den Mord an dem jüdischen Rabbiner Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke, die am 19. Dezember 1980 in Erlangen erschossen wurden. Dieser Fall gilt als der erste antisemitisch motivierte Mord an Juden in Deutschland nach 1945 und steht im Zentrum der dramatischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem Rechtsextremismus in Deutschland. (Nachtkritik)
Der Mordfall, der zu Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann führte, bleibt bis heute ungelöst. Uwe Behrendt, der als Täter identifiziert wurde, war ein Rechtsextremist und Mitbewohner von Karl-Heinz Hoffmann, dem Anführer dieser Gruppe. Nach der Tat floh Behrendt in den Libanon, wo er laut Berichten Suizid beging. Trotz der gravierenden Vorwürfe wurden Hoffmann und seine Partnerin im Prozess freigesprochen, und es gibt bis heute keinen Verurteilten für dieses antisemitische Attentat. Der Fall ist weitgehend vergessen, was die offene Frage aufwirft, ob nur ein Einzeltäter verantwortlich war und ob Sicherheitsbehörden die Tat möglicherweise hätten verhindern können. (taz)
Das Stück und seine Inszenierung
In „Brauner Schnee über Franken“ wird die dramatische Geschichte um den Mord auf eindringliche Weise erzählt. Die Inszenierung nutzt eine einsame Straßenlaterne und Schneefall als zentrale Elemente, um die düstere Atmosphäre der damaligen Zeit einzufangen. Der Ton des Stücks variiert zwischen Ironie, Zitat und Appell und legt einen besonderen Fokus auf dokumentarische Elemente. Die Darsteller schlüpfen in verschiedene Rollen, darunter Journalisten und Angehörige der Opfer, und bringen damit die verschiedenen Perspektiven und Emotionen zu Gehör.
Ein bemerkenswerter Moment im Stück ist der Monolog von Clara Liepsch, in dem sie die Gefahren thematisiert, wenn Meinungen zur Mehrheit werden können. Dies ist besonders relevant in einer Zeit, in der rechtsextreme Tendenzen wieder an Sichtbarkeit gewinnen. Die Inszenierung hat eine Dauer von 1 Stunde und 40 Minuten ohne Pause und bietet damit Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit der Materie.
Offene Fragen und gesellschaftliche Verantwortung
Der Fall Lewin und Poeschke wirft viele Fragen auf: War nur ein Einzeltäter verantwortlich? Wo ist die Tatwaffe? Die Bundesregierung hat erklärt, dass die Aufklärung für sie beendet sei, doch die Grünen-Fraktion im Bundestag stellte 25 offene Fragen, die vom Bundesinnenministerium weitgehend unbeantwortet blieben. Diese Ignoranz wird von der Parlamentarischen Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, Irene Mihalic, scharf kritisiert. Sie fordert eine klare Einordnung der Morde als antisemitisch und eine umfassende Aufarbeitung des Rechtsextremismus in Deutschland. (taz)
In der breiteren gesellschaftlichen Diskussion wird auch auf weitere antisemitische Mordtaten in Deutschland hingewiesen, die nicht ausreichend behandelt wurden. Publizist Ulrich Chaussy fordert mehr Aufklärung und kritisiert den Verfassungsschutz für seine Prioritäten. Diese Diskussion ist von zentraler Bedeutung, denn sie betrifft nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die gegenwärtige gesellschaftliche Realität und die Herausforderungen, die der Rechtsextremismus weiterhin mit sich bringt.